07.04.2017: Forschung - ein Karrieremodell für Tiermediziner


Die Organisatoren K. Wadepohl und Dr. G. Greif beim Semiar Tierärzte in der Forschung an der TiHo Hannover


Podiumsdiskussion


Wissenschaftliches Speeddating im Rahmen der 4-tägigen Seminars


Die TiHo war Gastgeber der Veranstaltung, an der Studierende alle Fakultäten teilnehmen konnten

Studenten der Tiermedizin diskutierten Ende März in Hannover über Vor- und Nachteile einer wissenschaftlichen Karriere

„Es wird immer schwieriger, frei werdende Professorenstellen mit Tiermedizinern zu besetzen und in den nächsten Jahren gibt es davon zahlreiche“, sagt Katharina Wadepohl, „vielleicht liegt es daran, dass viele eine wissenschaftliche Laufbahn für sich nicht in Betracht ziehen.“ Deshalb lud die 29-Jährige Doktorandin Studenten und frische Absolventen aller deutschsprachigen Veterinärfakultäten vom 30. März bis 2. April zum Seminar „Tierärzte in der Forschung“ an die Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) ein. 32 Teilnehmer diskutierten mit Akteuren der Wissenschaft darüber, wie der richtige Einstieg in die Forschung gelingen kann, wer einen PhD und wer eine Doktorarbeit machen sollte und wann für Frauen ständige Mobilität zum Nachteil wird. Unterstützt wurde die Veranstaltung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), den Bundesverband der Tiermedizinstudierenden Deutschland (bvvd) und den Präsidenten der TiHo, Dr. Gerhard Greif.

„Viele verkennen die Möglichkeiten der Forschung, kein Tag ist wie der andere“, sagt Greif. Etwas mehr als die Hälfte eines Jahrganges an der TiHo beginnt nach dem Studium eine Doktorarbeit, „aber in der universitären Forschung bleiben die Wenigsten. Das hängt sicher auch mit der Unsicherheit akademischer Anstellungen zusammen“, vermutet Katharina. Viele Verträge sind nur befristet, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz schreibt enge Grenzen der Beschäftigungsdauer vor. Aber nicht nur an der Universität, auch an außeruniversitären Forschungseinrichtungen und in der Industrie werden gut ausgebildete Veterinärmediziner gebraucht.

Ist der Doktortitel provinziell?

Katharina, die seit über zwei Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Außenstelle für Epidemiologie der TiHo in Bakum forscht, hat die Unsicherheit der akademischen Forschungslandschaft selbst erlebt: Ihre erste Doktorarbeit begann sie noch während des praktischen Jahres – unüblich für Tiermediziner und nicht zu empfehlen, wie sie sagt. Monate verbrachte sie mit der Literaturrecherche und wartete vergeblich auf die zugesicherte Anstellung und damit verbundene Finanzierung. Letztlich blieb ihr nur der Wechsel in ein anderes Institut zu einem anderen Thema.

Ihr aktuelles Forschungsprojekt bearbeitete Katharina zunächst ebenso als klassische Doktorarbeit, entschied sich dann aber für den Wechsel ins PhD-Programm der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Eine Doktorarbeit schreiben nur wegen des Titels, das war nicht ihr Plan. Vielmehr entschied sie sich mit dem Eintritt ins englischsprachige PhD-Programm bewusst für den Weg der akademischen Laufbahn. Seitdem das Programm 1998 an der TiHo als bundesweit erstes PhD-Studium etabliert wurde, gab es 343 Absolventen. 75 Prozent arbeiten zumindest in den ersten fünf Jahren nach dem Abschluss in dem Feld, für das sie durch das Aufbaustudium ausgebildet wurden: in der universitären oder industriellen Forschung.

Aber auch der Dr. med. vet. ist nicht nur ein geachtetes Kürzel am Praxisschild, sondern ebenfalls eine gute Grundlage für eine Forscherkarriere, lernten die Teilnehmer des Seminars. Bewegt man sich mit dem Doktortitel jedoch außerhalb Deutschlands, müsse man damit rechnen, seinen Ausbildungsstand erklären zu müssen, sagt Greif: „Der Dr. med. vet. ähnelt sehr dem DVM, der im englischsprachigen Raum nichts anderes bedeutet als Tierarzt.“ Der PhD (steht für ‚Doctor of Philosophy‘) hingegen ist das internationale Äquivalent für den Doktortitel in den Naturwissenschaften.

Drei Jahre ok, aber bitte nicht unbezahlt

Viele der Teilnehmer äußerten, dass sie bisher nicht gewusst hätten, dass es PhD-Programme an deutschen Veterinärfakultäten gibt. Aber auch weitere Wissenslücken auf dem Weg zum höchsten akademischen Grad galt es zu schließen: über die Lehrverpflichtung für Doktoranden an der Universität und die oft schwierige Frage der Finanzierung etwa. „Eine unbezahlte Doktorarbeit sollte keiner annehmen, dann ist die Qualität der Forschung nicht mehr gesichert“, stellt Katharina klar heraus, die sich bis 2014 als Vorsitzende des bvvd engagierte.

Tierarzt Max Rieckmann riet, bei der Suche nach einer Doktorarbeit den Blick auch außerhalb des eigenen Campus schweifen zu lassen. Er wurde an der Uniklinik Halle fündig und genießt den Austausch mit den vielen nicht- tiermedizinischen Wissenschaftlern, ein Netzwerk, das ihm sicher bei der anschließenden Jobsuche helfen wird. Einen Betreuer an einer veterinärmedizinischen Bildungsstätte braucht er dennoch, um den „richtigen“ Titel, den Dr. med. vet., zu erlangen.

Drei Jahre hat Max für seine Doktorarbeit eingeplant, das ist die übliche Zeitspanne für sowohl den Dr. med. vet. als auch den PhD. Ansonsten unterscheiden sich beide Wege sehr: Während der klassische Weg mehr Freiheiten lässt, lässt man sich beim PhD auf ein weiteres getaktetes Studium ein, mit vielen Pflichtaufgaben, wie regelmäßigen Vorlesungsbesuchen und Posterpräsentationen. Eine Publikation in einem englischsprachigen Fachjournal ist ebenso vorgeschrieben – neben der eigentlichen Abschlussthesis.

Bestens gewappnet für eine wissenschaftliche Karriere

Den Unterricht sieht PhD-Studentin Katharina Wadepohl jedoch nicht als Belastung, sondern als Bereicherung: „Ich habe viel gelernt, nicht nur fachlich, auch, wie ich meine Ergebnisse präsentiere. Damit fühle ich mich gut gewappnet für eine wissenschaftliche Laufbahn.“

Diese Laufbahn, die bekanntermaßen vom internationalen Austausch und Forschungsaufenthalten an wechselnden Orten geprägt ist, scheint mit dem PhD also prinzipiell besser geebnet. Die hohe Mobilität, die sich aus diesem Karriereweg ergibt, ist allerdings nicht nur Möglichkeit, sondern auch Verpflichtung und das bringt Nachteile mit sich, besonders mit Blick auf die Familienplanung: „Irgendwann will man doch auch mal sein Nest bauen“, sagt ein Student im Publikum. Stimmt, irgendwann, entgegnet Dr. Jessika Cavalleri, aber vorher gelte es, Abstriche zu machen. Die 42-jährige Oberärztin ist vor einigen Jahren aus Zürich zurück an die Pferdeklink der tierärztlichen Hochschule Hannover gegangen. Ihr Mann blieb zurück: „Seit elf Jahren führen wir eine Fernbeziehung. Zum Glück gibt es eine Direktverbindung zwischen Zürich und Hannover.“

Karriere vs. Familie?

„Man bekommt manchmal den Eindruck, dass eine wissenschaftliche Karriere nicht mit einer Familie zu vereinbaren ist“, sagt Dr. Imke Steffen, „das stimmt so nicht.“ Die 35-jährige Biochemikerin arbeitet gerade noch am Blood Systems Research Institute in San Francisco und ist dort Mutter geworden. „Der Vorteil in der Forschung ist, dass man sich seinen Tag zeitlich flexibel einteilen kann.“ Nun zieht es sie nach Hannover, um die Leitung einer Nachwuchsgruppe am Institut für Physiologische Chemie und am Research Center for Emerging Infections and Zoonoses zu leiten, ihr Sohn ist gerade zwei Jahre alt geworden und kommt mit.

Dass Karriere und Familie sich nicht ausschließen, zeigt auch Prof. Isabel Hennig- Pauka, Leiterin der Außenstelle für Epidemiologie der TiHo in Bakum und Mutter dreier Söhne. Sie sagt, eine wissenschaftliche Karriere ist nicht besser oder schlechter mit Kindern zu vereinbaren wie etwa die Arbeit als Praktiker – sie sieht hier sogar Vorteile für die Familiengründung. Im Interview spricht sie über den schwierigen Spagat als Mutter und Karrierefrau, ob Kinder in den Lebenslauf gehören und wann überhaupt der beste Zeitpunkt zum Kinderkriegen ist.

Eine neue Perspektive nach dem Studium

TiHo-Präsident Gerhard Greif fasst das Ergebnis der Veranstaltung zusammen: „In der Forschung gibt es viele Möglichkeiten, aber keine Garantie.“ Er wollte bei den jungen Leuten Interesse wecken, denn „eine gute Forschung ist auch die Grundlage für unsere gute universitäre Lehre.“ Drei Jahre für zwei – oder drei Buchstaben – das lohnt sich also. Katharina hatte einen deutlichen Bedarf nach solch einer Informationsveranstaltung gesehen, in den Aussagen der Teilnehmer bestätigt sich ihre Vermutung. Sie ergänzt: „Mir war es wichtig, ein Bewusstsein für diesen Weg nach dem Studium zu schaffen. Das Besondere an der Veranstaltung war, dass man so viele Menschen mit spannenden Lebensläufen und Erfahrung persönlich treffen und ausfragen konnte.“ Einer war Prof. Wolfgang Baumgärtner, unter Studenten der Tiermedizin bekannt für seine Pathologie-Fachbücher. Er sagte: „Im Studium hatte ich nicht die Forschung auf dem Radar. In der Praxis habe ich dann aber gemerkt: Das ist nicht die Herausforderung, der ich mich stellen wollte.“

„Als ich das Studium begonnen habe, wollte ich Praktiker werden“, das hörte man in den vier Seminartagen oft – für Prof. Baumgärtner kam es anders, für Dr. Greif und Katharina auch. Allein die Forschung ist bereits ein breites Betätigungsfeld für Tiermediziner, das hat sich in Hannover gezeigt.

Daneben bietet das Tiermedizinstudium aber noch zahlreiche weitere Möglichkeiten. Um Studierenden bereits früh Alternativen zur Praxis aufzuzeigen, gibt es „ Vets up“. 1996 wurde die regelmäßige Berufsinformationsveranstaltung an der FU Berlin etabliert. Einmal jährlich berichten seitdem Industrie- und Amtstierärzte, aber auch Praktiker, Doktoranden und sogar Veterinäroffiziere vor Studierenden an allen fünf deutschen Veterinärfakultäten aus ihrem Leben und stehen für Fragen zur Verfügung. Die erste Station wird in diesem Jahr Gießen sein: am Samstag, 6. Mai 2017. Start ist 9 Uhr im Hörsaal des Instituts für Veterinärphysiologie am FB Veterinärmedizin, Ende 16 Uhr. Die Veranstaltung ist kostenfrei, für das leibliche Wohl wird gesorgt.

Links / Literatur
PDF-Datei
Seminar Tierärzte in der Forschung, Tiho 2017

Bearbeitet von:
Sophia Neukirchner
Studierende der Veterinärmedizin an der Universität Leipzig
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