16.08.2017: Tierärztliche Behandlung vor der Sozialstation


Tierärztin Jeanette Klemmt versorgt im Rahmen des Berliner Projektes „HundeDoc“ die Tiere von Punks und anderen jungen Menschen auf der Straße.
Foto: privat


Tierärztin Jeanette Klemmt versorgt im Rahmen des Berliner Projektes „HundeDoc“ die Tiere von Punks und anderen jungen Menschen auf der Straße.
Foto: privat

Wenn Tierärztin Jeanette Klemmt einen Hund kastrieren möchte, muss das Wetter mitspielen: „Es darf nicht zu kalt oder zu warm sein.“ Ihre Klienten leben auf der Straße, deren Tiere ebenso, das kann die Wundheilung der frischen Kastrationsnarbe beeinflussen. Natürlich beeinflusst dieser Umstand auch den Preis: „Alle meine Behandlungen sind kostenlos.“ Seit 17 Jahren versorgt Jeanette Klemmt in Berlin die Tiere von jungen Menschen mit Armutsrisiko.

Ihre Kunden haben ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße, manche schlafen bei wechselnden Freunden oder in sozialen Wohngruppen, sind von Obdachlosigkeit bedroht. Alle hatten einen schwierigen Start ins Leben sich und tun sich schwer, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Ein geringes Einkommen oder Betteln reichen manchmal nicht für die eigene Nahrung, einige sind überschuldet. Trotzdem schaffen sich viele Menschen in solchen Situationen ein Haustier an. „Tiere sind häufig die einzige Konstante im Leben dieser Menschen und ersetzen den Sozialpartner“, erklärt Jenny. Diese starke Mensch-Tier-Beziehung ist ein wichtiger Anknüpfungspunkt für Straßensozialarbeit.

Die Tierärztin fährt deshalb an vier Tagen in der Woche mit ihrem zur Praxis umgebauten Rettungswagen Kontaktläden in den Bezirken Charlottenburg, Mitte, Lichtenberg und Friedrichshain an. Neben Hunde, gehören auch ein paar Katzen, Kaninchen und Ratten zu ihren Patienten. Termine für die Sprechstunde gibt es nur über den Sozialarbeiter, dabei entstehen immer wieder Gespräche. So kann das kranke Tier auch zu einer Suchtbewältigung oder einem Ausbildungsplatz führen. Sie stellen auch sicher, dass nur auf die Warteliste kommt, wer wirklich bedürftig ist.

Früher standen auf ihrer Liste vor allem Punks, die klassisch mit ihren Hunden auf dem Alex oder an der Friedrichstraße saßen. „Die Menschen machten Ärger und an die Menschen kam man am besten über’s Tier.“ So rief Jennys Arbeitgeber, die Stiftung SPI, das Projekt „HundeDoc“ ins Leben „und das schlug ein wie eine Bombe.“ Heute sind die Brennpunkte von damals zwar verschwunden und „Punk irgendwie aus der Mode gekommen“, sagt sie – Bedürftigkeit leider nicht. Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe haben in Berlin abhängig von der Jahreszeit bis zu 3.000 Jugendliche und junge Erwachsene keine feste Wohnung und die Zahl nimmt stetig zu. „Es erscheint einem aber weniger, weil das Zusammenkommen im öffentlichen Raum seltener geworden ist und sich ins Netz verlagert“, sagt Jenny. Das macht es den Sozialarbeitern schwieriger als früher an die Menschen heranzukommen. Die Patientenbesitzer, die nun zu ihr kommen, sind älter geworden und betreiben „vielfältige Lebenskonzepte“, zunehmend würden psychosoziale Störungen eine Rolle spielen. „Das Elend bleibt aber immens“, sagt die 49-Jährige.

Ihr eigenes Leben verlief im völligen Gegensatz zu dem ihrer Klienten. „Keiner meiner Freunde war Teil der Szene und vom SO36 hatte ich maximal aus den Nachrichten gehört.“ Selbst ist sie aufgewachsen in einem behüteten Stadtteil Berlins, studierte hier auch Tiermedizin und dachte, „mal eine schicke, florierende Kleintierpraxis aufzumachen“. Nun kämpft sie um Spenden und manchmal auch gegen die Bürokratie, als es zum Beispiel um die Zulassung einer Tierärztlichen Hausapotheke im Praxismobil ging. In diese Lage versetzte sie eine Bekannte: Eine Woche nach der letzten Prüfung fragte man sie, ob sie sich nicht vorstellen könnte, die Tiere von Punks eine Zeitlang zu versorgen. „Ein guter Job für einen Anfangsassistenten dachte ich und sagte zu.“

Seitdem verteilt sie seit 17 Jahren kostenlos Impfungen und Wurmkuren an Tiere und berät deren Halter darüber, dass der natürliche Lebensraum einer Ratte nicht der Kapuzenpulli ist. Ihr ist es dabei wichtig, dass die Menschen lernen, Verantwortung zu übernehmen. „Wenn mir jemand ständig einen neuen Hund anschleppt, werde ich stutzig, schalte auch mal den Amtstierarzt ein.“ Im letzten Jahr hat sie 270 Hunde geimpft und 34 kastriert. Seit dem Beginn ihrer Arbeit im Jahr 2000 hat sie nach eigenen Angaben über 2300 bedürftigen Tierhaltern mit insgesamt 6000 Tieren geholfen. Freud und Leid lagen dabei stets eng beieinander, sagt sie: „Ich freue mich, wenn ich von einem Klienten höre, der seine Sucht überwunden oder seine Schule zu Ende gemacht hat. Aber auch Todesmeldungen sind leider nicht selten.“

Kleinere Wunden versorgt Jenny selbst, bei Kastrationen unterstützen sie ehrenamtliche Helfer. Für die Behandlung bezahlen können ihre Kunden nicht. Diese Kosten werden komplett aus Spenden finanziert, genauso wie Jennys Lohn. „Mehr noch als die Kollegen in der normalen Praxis muss ich abwägen, was sinnvoll ist und strategisch so kostengünstig wie möglich handeln.“ Schon in der Diagnostik fängt das an, bereits eine Laboruntersuchung kann zu teuer sein. Bei komplizierter Diagnostik oder Chirurgie ist die Tierärztin auf die Unterstützung der Kollegen angewiesen. Gegebenenfalls wird im Freundeskreis der Klienten zusammengelegt oder Jenny gibt die Möglichkeit, die Behandlungskosten abzustottern.

Ein Beispiel für schwierige Fälle im Straßenpraxisalltag sind Futtermittelunverträglichkeiten. „Meine Patienten können es sich nun einmal nicht leisten, mit Straußenfleisch zu barfen oder Spezialfutter zu kaufen“, sagt Jenny. Oft hat sie deshalb bei den großen Futtermittelherstellern wie Hills oder Royal Canin nach Resten gefragt, die Resonanz sei mau gewesen. Ähnlich verhalte es sich mit Rabatten auf Impfstoffe und Tierarzneimittel. Für die Zukunft würde sie sich hier mehr Unterstützung wünschen. Zumindest moralische Anerkennung bekommt sie zahlreich: 2006 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen, im Juli dieses Jahres wurde „HundeDoc“ zusammen mit zwei anderen sozialen Tierarztprojekten im Rahmen der Charityaktion „HelpingVets“ von dem Homöopathikahersteller Heel ausgezeichnet. Dafür gab es 2000 Euro.

Weitere Spenden sind jedoch nötig, um das Projekt HundeDoc am Laufen zu halten und können auf folgendes Konto erfolgen:

Stiftung SPI Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE65100205000003112105
BIC: BFSWDE33BER
Verwendungszweck: HundeDoc

Links / Literatur

Bearbeitet von:
Sophia Neukirchner
Studierende der Veterinärmedizin an der Universität Leipzig
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