09.09.2017: Neue Therapieoption in der Veterinärmedizin: Monoklonale Antikörper


Olivier Martinon von Zoetis arbeitete über zehn Jahre an vorderster Front am Projekt Cytopoint und ist reichlich stolz: How cool is this?


Dr. Chiara Noli, Dermatolgieexpertin, sagt, das lokivetmab eine deutliche Verbesserung in der Lebensqualität von Hunden mit atopischer Dermatitis und für deren herrschen bringen wird.


Klinisches Erscheinungsbild der Atopischen Dermatitis am Hund (Bilder von Dr. Chiara Noli vorgestellt)


Dr. Thierry Olivry


Prof. Dr. Wolfgang Bäumer

Vor gut dreißig Jahren wurde der erste monoklonale Antikörper als Arzneimittel in der Humanmedizin in Deutschland zugelassen, nun zieht die Veterinärmedizin nach. Im April wurde Lokivetmab, wie der Antikörper im Fachterminus heißt, als erster monoklonaler Antikörper für eine Therapie am Tier in Europa zugelassen. Dieser bindet an den Immunmediator IL-31, der von den T-Helfer-Zellen unter anderem in der Haut beim Krankheitsgeschehen der Atopischen Dermatitis gebildet wird. Diese Krankheit ist unter Hunden verschiedenster Rassen weit verbreitet und geht einher mit einer allergischen Überreaktion auf ungefährliche Stimulantien, wie Gräsern oder Hausstaub. Die Folge sind starker Juckreiz, Hautläsionen und Sekundärinfektionen, die in allen Hautarealen auftreten können und Tier und Halter oft ein Hundelebenlang belasten. Es gibt bereits verschiedene Behandlungsmethoden, die teils gut wirken, teils aber auch starke Nebenwirkungen verursachen, beispielsweise Immunsuppression beim Einsatz von Glukortikoiden. 

Was monoklonale Antikörper deshalb so vielversprechend in der Behandlung von chronischen Erkrankungen macht, ist ihre Zielgenauigkeit. Im besten Fall wird nur ein spezielles Molekül gebunden, was den gewünschten Effekt und wenig Kollateralschäden verursacht. Im Fall von Lokivetmab kann IL-31 nicht mehr an seinen Rezeptor binden, die Reaktion, die den Juckreiz auslösen würde, unterbleibt. Als positiver Nebeneffekt im Fall der Atopischen Dermatitis wird auch die Entzündung gelindert. Mit einer Injektion pro Monat verspricht der Hersteller, Zoetis, eine wirksame Lösung gegen Atopische Dermatitis bei Hunden jeden Alters über 3 Kilogramm – nahezu ohne Nebenwirkungen. „Einen Stoff völlig ohne Nebenwirkungen gibt es nicht“, hält der Immunpharmakologe Prof. Wolfgang Bäumer entgegen. Er leitet das Institut für Pharmakologie und Toxikologie am Fachbereich Veterinärmedizin an der Freien Universität (FU) Berlin und findet monoklonale Antikörper als Therapieoption „sehr spannend, wenn sie denn bezahlbar ist“. Das sei in der Humanmedizin, wo bereits seit 1986 und verstärkt seit Anfang der 2000er monoklonale Antikörper oder „mAbs“, wie sie auch genannt werden, therapeutisch eingesetzt werden, nicht unbedingt der Fall. Dort helfen mABs in der Krebsbehandlung, bei Asthma oder gegen Abstoßungsreaktionen nach Organtransplantation. Teils jedoch mit nicht unerheblichen Nebenwirkungen, den die Krux ist, das richtige Zielmolekül zu finden, das nach „abschalten“ positive, aber kaum negative Wirkungen erzeugt. Als geläufige Nebenwirkungen sind dort zum Beispiel erhöhte Infektionsraten bekannt. „Ob IL-31 also der Weisheit letzte Schluss in der Behandlung der atopischen Dermatitis ist, darüber lässt sich streiten“, so Bäumer.

Kathrin Cuddy, die aus Cork nach Lausanne zum 29. Europäischen Kongress der Veterinärdermatologie gereist ist, um sich in ihrem Fachgebiet Dermatologie weiterzubilden, gehörte zu den wenigen Tierärzten, die das neue Produkt aus dem Hause Zoetis bereits vor dem offiziellen Verkaufsstart in der Praxis nutzen durfte. Sie ist soweit zufrieden: „Ich habe Lokivetmab bei Hunden angewendet, bei denen kein anderes Mittel half und habe in den meisten Fällen gute Erfolge erzielt.“ Aber sie gibt auch zu bedenken, dass man bisher noch sehr wenig über die Langzeitwirkung therapeutischer monoklonale Antikörper beim Tier wisse und ihre Kollegin aus England wirft ein, dass es „doch recht teuer ist“.

 

Seit zwei Jahren ist Lokivetmab unter der Produktbezeichnung „Cytopoint©“ als Tierarzneimittel in den USA zugelassen. Das ist also der längste Zeitraum, in dem das Produkt bisher dauerhaft am klinischen Patienten angewendet wurde. Laut Zoetis sind dabei „keine Nebenwirkungen“ erfasst wurden, „die auf das Präparat zurückzuführen“ seien. Im Zulassungsbericht der European Medicine Agency (EMA) sind „Schwellungen des Gesichtes und juckender Hautausschlag“ beschrieben. „Welche Nebenwirkungen sich auf lange Sicht zeigen, müssen wir abwarten“, sagt Bäumer, der die Studien zu dem Präparat kennt, „man sollte außerdem bedenken, dass eine Nebenwirkung auch ein Wirkungsverlust dadurch ist: Antikörperbildung gegen Antikörper.“ Daraus lässt sich unter anderem schließen, warum das Präparat, bei 50 bis 60 Prozent der Hunde sehr gute Erfolge erzielt und seine Wirkung sogar einen Monat behält (andere Pharmaka auf diesem Gebiet verlieren ihre Wirkung bereits nach einem Tag), bei manchen Hunden aber gar nicht anschlägt. Bäumer sagt dazu: „Das gute bei der Indikation dieses Produktes ist aber, dass die Atopische Dermatitis keine lebensgefährliche Erkrankung ist. Schlägt es nicht an, kann man immer noch auf ein anderes Produkt wechseln – anders sieht die Sache bei der Krebsbehandlung aus.“

Therapeutika auf der Basis von monoklonalen Antikörpern sind auf dem Vormarsch, sagt Bäumer, wenn auch sie bisherige Mittel nicht verdrängen werden. Ab 15.9.17, dem Verkaufsstart von Cytopoint in Deutschland, können dann auch Tierärzte hierzulade an diesem „Trend“ teilhaben. Mindestens fünf weitere mAbs stecken außerdem bereits in der Pipeline für die Zulassung als Tierarzneimittel in Europa. Das zeigte Dr. Thierry Olivry, Professor für Immundermatologie an der Fakultät für Veterinärmedizin an der North Carolina State University in einem Vortrag zum Einsatz monoklonaler Antikörper in der Veterinärmedizin, den er anlässlich der Produktpräsentation von Zoetis vor Medienvertretern auf dem Dermatologiekongress am 7.9.17 in Lausanne in der Schweiz hielt. Nexvet entwickelt etwa gerade einen mAb gegen Schmerz bei der Katze und Aratana gegen B-Zell-Lymphome beim Hund. Sollte der Preis stimmen, kann sich Bäumer auch gut vorstellen, dass in Zukunft mAbs in der Nutztierhaltung Anwendung finden und Olivry spricht von „mAb-Cocktails“, die er sich gut vorstellen kann.

Die BGW (Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege) weist im Übrigen in der Humanmedizin auf eine Gefahr in der Anwendung von mAbs hin, da es bei Selbstinjektion etwa zu Abstoßungsreaktionen kommen kann.

Links / Literatur

Bearbeitet von:
Sophia Neukirchner
Veterinärmedizinstudentin aus Leipzig
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