Prominente Tierärzte werben: Umdenken tierzuliebe - auch bei kleinen Heimtieren

Links der erste und rechts der zweite Flyer (Nov 
2019) der Bundesteriärztekammer zur Aufklärung von 
künftigen Tierbesitzern. Plange und Gruber, 300 dieser Plakate hängen seit 
dem 1. November in Berlin. Die drei Plakate gibt es auch als Flyer. Gruber spricht zu kurzköpfigen Katzen mit 
Gesundheitsschäden aufgrund von Zucht, mittig das 
Podium der PK, links der rbb.

Die neue Plakatkampagne der Tierärztekammer Berlin gegen Qualzucht

„Kulleraugen und Faltohren – nicht süß, sondern gequält“, steht auf dem zweiten Flyer zur Aufklärung über Qualzuchten der Bundestierärztekammer. Darüber das Bild einer Faltohrkatze, enthalten eine prägnante Checkliste für interessierte Tierbesitzer, was es beim Kauf einer Katze zu beachten gilt, um ein gesundes Tier zu erwerben. Erschienen ist der Flyer Anfang November, pünktlich zum Start einer Plakatkampagne der Tierärztekammer Berlin.

Seit dem 1.11.2019 appellieren auf 300 Plakaten an Bussen und U-Bahnen sowie in U- Bahnhöfen in Berlin Diana Plange, Landestierschutzbeauftragte des Landes Berlin, Prof. Dr. Achim Gruber, Tierpathologe an der FU Berlin, und Dr. Heidemarie Ratsch, Präsidentin der Tierärztekammer Berlin an Verbraucher, keine qualgezüchteten Tiere aufgrund ihres Aussehens zu kaufen. Drei Monate werden die Plakate zu sehen sein.

Es ist die zweite Aktion der Tierärztekammer unter dem Slogan „umdenken tierzuliebe“. Wie schon bei der ersten Kampagne sind Beispiele von qualgezüchteten Tieren (diesmal: Mops mit kurzer Schnauze, taube Katze, Widderkaninchen ohne Tasthaare) zu sehen, „neu ist die Personalisierung mit Tierärzten, die kompetent im Bereich Qualzucht sind“, erklärt Ratsch bei der Pressekonferenz zum Kampagnenauftakt am 5.11.2019 auf dem Campus der Veterinärmedizinischen Fakultät. Ebenfalls neu ist die Einbindung von kleinen Heimtieren. Neben Ratsch, Gruber und Plange sind Dr. Uwe Tiedemann, Präsident der Bundestierärztekammer (BTK) und PD Dr. Sebastian Arlt von der Tierklinik für Fortpflanzung der FU Berlin geladen, um vor den Medienvertretern (u.a. Fernsehbeitrag rbb) einen Input zu Qualzuchten bei Hunden und Katzen, aber auch Heimtieren, Fischen und Vögeln zu geben, die, wie Ratsch sagt, „oft übersehen werden, weil sie nicht in der Öffentlichkeit stehen“.

Untermalt werden die Infos zum „Qualzuchtparagraphen“ §11b des Tierschutzgesetzes mit zahlreichen von den Referenten teils in ihrer täglichen Arbeit gesammelten Bildern und Videos von Tieren, die sich nicht artgerecht bewegen können, Atemnot zeigen oder in weiteren vielfältigen Aspekten im Leben „ohne Schmerzen, Leiden und Schäden“, wie es das Tierschutzgesetz sagt, eingeschränkt sind.

Oft liege das Problem in unaufgeklärten oder, wie Plange sagt, uneinsichtigen Tierbesitzern dieser „Pflegefälle“. Arlt verwies darauf, dass gute Züchter oft das Beste für Ihre Tiere im Sinn haben, aber viele relativieren oder übersehen Defektmerkmale. „Wenn ich Tierbesitzer in der Praxis darauf anspreche, sind Sie oft überrascht.“ Wenn die Tiere zum Impfen vorstellig werden sei beispielsweise ein guter Zeitpunkt darüber zu sprechen, ob eine Verpaarung geplant sei und zu beraten, ob das Tier körperlich überhaupt in der Lage ist, Nachkommen zu bekommen oder nur mit bestimmten Partnern. Schließlich gibt es bereits viele Rassen, deren Becken aufgrund von zielgerichteter Zucht nicht mehr für eine Geburt geeignet ist oder deren Gebiss eine Abnabelung der Welpen unmöglich macht. Als Beispiel nannte Arlt Zahlen aus den USA: der Boston Terrier hat eine Wahrscheinlichkeit von über 90% für einen notwendigen Kaiserschnitt und auch beim Scottish Terrier, „dem man das auf den ersten Blick vielleicht nicht ansieht“ sind es 60%. Hier sei es Aufgabe der Tierärzte, aktive Aufklärungsarbeit zu leisten. Er selbst ermuntere Züchter, zurück zu ursprünglichen Merkmalen (langen Nasen) zu züchten.

Prof. Achim Gruber räumt ein, „dass Tierbesitzer einfach selbst recherchieren“ könnten und verweist darauf, dass es zu jeder Rasse auf Wikipedia einen Artikel gäbe, der häufige Erbkrankheiten auflistet. Er gab Beispiele dafür, wie die direkte und offensichtliche Verknüpfung von Schönheitsmerkmalen (weiße Fellfarbe bei manchen Katzenrassen) und Krankheitsmerkmalen (Taubheit) billigend in Kauf genommen wird. „Jede fünfte dieser Katzen ist vollständig oder partiell taub. In Verbindung mit blauen Augen steigt das Risiko für Taubheit auf 70-80 Prozent.“ Mit der Zucht auf Babyähnliche Gesichter (flache Nasen, Kulleraugen) werden Atemnot, ständig entzündete und tränende Augen erzeugt. In seinem diesen Jahres erschienene Buch „Das Kuscheltierdrama“ erzählt Gruber von weiteren Beispielen „fehlgeleiteter Tier- Mensch-Beziehung“, die regelmäßig „in erschreckender Zahl“ auf seinem Obduktionstisch lande.

Das gemeinsame Plädoyer der Kampagnenvertreter geht an künftige Tierhalter, sich ausreichend zu informieren und keine Qualzuchttiere zu kaufen. Wenn die Nachfrage nach diesen Tieren sinkt, würden auch keine Tiere dieser Art mehr gezüchtet.

Auf die Frage nach der politischen Einflussnahme wurde darauf verwiesen, dass Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner anstrebe, ein Ausstellungsverbot für Qualzuchten zu erreichen. Zuchtverbote gestalten sich aufgrund der wenig konkreten Gesetzesgrundlage schwierig und können stets nur Einzeltiere betreffen, wie Plange erklärt. Vereinzelt konnten Erfolge (Kastrationsanordnung) bei Nackt- und Faltohrkatzen (Deutsches Tierärzteblatt 7(67) 2019) mit fehlenden Tasthaaren erzielt werden. Dieser Prozess sei jedoch jedes Mal ein Kraftakt. Eine Unterstützung der Amtstierärzte mit von der Tierärzteschaft erstellten wissenschaftlich fundierten Merkblättern sei angezeigt, ebenso eine Erweiterung des Qualzuchtgutachtens des Bundes. Auch Nutztiere seien künftig stärker zu berücksichtigen, fordert Plange. Deutschland sei nicht konsequent genug, merkt Gruber an und verweist auf die Niederlande, wo ab 2020 Züchtungen mit Hunden, deren Naselänge weniger als ein Drittel der Kopflänge beträgt, verboten seien.

Des Weiteren wirken die BTK und die LTK Berlin seit 2015 verstärkt auf Unternehmen ein, Qualzuchttiere nicht in ihrer Werbung und in Filmen zu verwenden, damit keine Kaufanreize geschaffen werden. Teils stoße man dabei auf Ignoranz, aber es konnten auch schon Erfolge des „Umdenkens tierzuliebe“ erzielt werden.

Lesen Sie mehr zum Thema Qualzuchten in unserem Fokusthema. Informationen über bei den einzelnen Rassen nachgewiesenen Erbkrankheiten, die nicht selten an bestimmte Rassemerkmale geknüpft sind, finden Züchter bei Labogen.

Sophia Neukirchner
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