20.04.2017: Bewegungsapparat Pferd - Praxisbezogene Anatomie und Biomechanik


Bewegungsapparat Pferd - Praxisbezogene Anatomie und Biomechanik

Pferde sind nicht meine Leidenschaft und der klinische Unterricht im Tiermedizinstudium, in dem es um diese Tierart ging, hat mir keine Freude bereitet. Besonders traf das auf Stunden zu, in denen der Patient vor den Augen von Tierarzt und Studenten auf- und abtrabte und wir Studenten sehen sollten, wo das Problem im Bewegungsapparat lag. Die große Schwelle, mich in das Thema einzuarbeiten, war, dass ich Angesichts der großen Fülle an Fachwissen in diesem Bereich nicht wusste, wo ich anfangen und wo aufhören müsste. Und sowieso: die Kniffe, die man nur als langjähriger Reiter lernt, würde mir ja dennoch verborgen bleiben.

Mit dem 2015 im Sonntag-Verlag erschienen Fachbuch „Bewegungsapparat Pferd – Praxisbezogene Anatomie und Mechanik“ ist der Eintritt in fremdes Land dann aber doch geglückt. 216 Seiten mit 150 Abbildungen (zum Teil sogar in Beugung oder Extension) laden zum Lesen ein.

Im ersten Teil beschäftigen sich die drei Autorinnen Michaela Wieland, Claudia Schebsdat und Jörne Rentsch mit den Grundlagen des Bewegungsapparates: Knochen, Muskel, Sehnen, Gelenke, etc. Im Hauptteil werden dann zunächst die physikalischen Grundzüge der Bewegung im Organismus erklärt und anschließend detailliert und sehr plastisch jeder Anteil des Bewegungssystems und jeder Muskel mit Ansatz, Ursprung, Innervation, Funktion besprochen – eben alles, was in ein gutes Anatomiebuch gehört.

Dabei sind die Autorinnen Pferdeosteo- und Pferdephysiotherapeuten, Tierakupunkteure, zertifizierte Sattelexperten und Dozenten in einigen dieser Themen – aber keine Anatomieprofessoren. Diesen Anspruch erheben sie aber auch nicht, sie beschreiben im ersten und zweiten Teil kein Neuland, sondern betreiben eine passgenaue Zusammenstellung aus bewährten Wälzern in leicht verständliche Sprache. Dieser Umstand dürfte das Buch auch interessant für Pferdehalter machen, die beim nächsten Tierarztbesuch mitreden wollen oder ihre Reittechnik pferdeschonender gestalten wollen. Dennoch vermittelt das Buch an keiner Stelle, dass hier Halbwissen verbreitet wird. Ihre Expertise im Grundlagenbereich stützen die Autorinnen etwa auf die Ausbildung bei Anatomieprofessor Horst Wissdorf. Dieser hat selbst an einem Buch über „Praxisorientierte Anatomie- und Propädeutik des Pferdes“ mitgeschrieben (das sich jedoch nicht nur auf den Bewegungsapparat beschränkt), erschienen 2010 bei Schaper. Im Buch der drei Frauen erkennt man zudem viele der Gelenks- und Knochenaufnahmen aus dem Enke-Anatomie- Klassiker von Salomon/Gille/Geyer wieder.

Tierärzten ist ein Großteil des Buches damit durch das Studium ausreichend in ähnlichem Wortlaut bekannt (kann man überfliegen). Das Alleinstellungsmerkmal dieses speziesspezifischen Anatomiebuches springt in Form gut abgehobener farblicher Kästen beim Durchblättern aber sofort ins Auge: In „Praxistipps“ spiegelt sich die langjährige Erfahrung der Autorinnen auf dem Sandplatz und im Sattel. Diese finden sich nach nahezu jedem Teilabschnitt in allen drei Kapiteln, also sehr zahlreich. Hier werden mit Tipps wie „Das Pferd wird Symptomatiken bei unterschiedlichen Stellungen der BWS zeigen, z.B. beim Satteln, Reiten oder Springen“ gegeben, wenn es um den Bandapparat der Wirbelsäule geht, der beim Springen verletzt werden kann oder bei verletzter Spannsägenkonstruktion: „Das Pferd hat Schmerzen in diesem Bereich und wird häufig das Standbein wechseln“. Auch die Wahrscheinlichkeitseinordnung einer Ursache gefällt: „Sehr viele Schweifschiefhaltungen lassen sich über muskuläre Dysbalancen erklären. Es steckt eher selten eine Blockade des Illiosakralgelenks dahinter“.

Schön, dass anschaulich beschrieben wird, wie sich etwa eine Verspannung in einem bestimmten Bereich im Erscheinungsbild des Pferdes zeigt. Noch anschaulicher wäre es jedoch mit mehr Bildern „lebendiger“ Patienten geworden. Realaufnahmen der jeweiligen Muskelpartien oder beschriebenen Krankheitsbilder hätten, den Muskel-Knochen- Skizzen gegenübergestellt, der Verbindung Theorie-Praxis, die im Text so gut gelingt, noch gut getan. Nur im dritten, etwa zu kurz gefassten, Teil mit dem größten „Eigenanteil“ der Autorinnen namens „Bewegung des Pferdes“ finden sich ein paar mehr Fotografien sich bewegender Pferde: Hier werden etwa die für die Adspektion wichtige Hang- und Stützbeinphase mit beteiligten Muskeln ausführlich beschrieben.

Fazit

Das Buch ist sowohl als Einmallektüre geeignet, um sich von null auf hundert alles anzueignen, was es (fürs Erste) zur Anatomie und Biomechanik des Pferdes zu wissen gibt; ebenso für Tiermedizinstudenten zur schnellen Wiederholung für die Klinik. Alle Infos in einem Buch mit einladend schmaler Bindung – eine Seltenheit.

Durch seine übersichtliche Gliederung und die im Anhang befindliche Tabelle, in der alle besprochenen Muskeln zusammengefasst sind, eignet es sich auch bestens als komprimiertes Nachschlagewerk (für das Praxisfahrzeug). Wer den Salomon bereits im Schrank stehen hat, sollte vor der Anschaffung dieses Buches jedoch bedenken, dass der „neue“ Inhalt im Vergleich zu den aus Standardanatomiebüchern bekannten Inhalten vergleichsweise gering ausfällt.

Bibliographie
Bewegungsapparat Pferd – Praxisbezogene Anatomie und Biomechanik
Michaela Wieland, Claudia Schebsdat, Jörne Rentsch
Sonntag (Verlag), 2015
216 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-83-049444-7
Ladenpreis: 89,99 Euro


Links / Literatur
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Bearbeitet von:
Sophia Neukirchner
Veterinärmedizinstudentin aus Leipzig
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