Qualzuchten


Eine Englische Bulldogge mit Vorbiss (Prognathie).

Einleitung

von Sophia Neukirchner

Seit über 1.500 Jahren züchtet der Mensch Hunde. Zunächst mit dem Ziel, nützliche Eigenschaften in Körperbau und Charakter für spezifische Aufgabenfelder zu stärken. So bildeten sich viele unserer heutigen Hunderassen: Jagd-, Spür- und Schäferhunde etwa. Ihr Körperbau wurde durch züchterische Auswahl auf Merkmale gelenkt, die für ihre Aufgabe von Nutzen waren: kurze Beine halfen dem Dackel in Fuchsbauten zu gelangen, gedrungene Körper der Bulldogge im Kampf gegen Rinder.

Seit etwa 150 Jahren geschieht die Hundezucht in Verbänden, gegründet, um Verpaarungen zu lenken und Rassen zu erhalten. Dafür wurden Rassestandards festgelegt. Der Nutzen eines Zuchtmerkmals rückte in den Hintergrund, der Fokus legte sich auf Schönheitskriterien. Da Schönheit eine subjektive Sache ist und häufig Modetrends folgt, wurden die Rassestandards zunehmend überinterpretiert. Die Folge sind Möpse mit zu kurzen Schnauzen, die ihre eigentliche Funktion, das Atmen, nicht mehr erfüllen können, Deutsche Schäferhunde, deren abfallende Rückenpartie ein normales Laufen unmöglich macht oder Cavalier King Charles Spaniel, deren Kopf zu klein für ihr Gehirn ist.

Hinzu kommt, dass auf Rasseschauen als schön (wenn auch nicht gesund) prämierte Rüden viele Hündinnen decken. Diese Inzucht führt zu einer Häufung von Defektgenen und damit Kollateralschäden an Herz, Gehirn, Knochen und Sinnesorganen sowie Tumor- oder Allergiesensibiliät (TVT-Merkblatt Nr. 141).

Das deutsche Tierschutzgesetz sagt im §11b, dass es verboten ist, Tiere zu züchten, denen Köperteile so umgestaltet sind oder fehlen, dass eine artgemäße Verhaltensweise nicht mehr möglich ist, oder sie dadurch Schmerzen, Leiden oder Schäden erfahren.

Eine zunehmende Anzahl unsere Tierrassen erfüllt wegen oben angesprochener Praktik offensichtlich diese Kriterien und ist laut Gesetz damit als „Qualzucht“ zu bezeichnen. Diese Problematik steigert sich in bestimmten Rassen von Jahr zu Jahr. Das betrifft nicht nur Hunde, auch weitere Heimtiere wie Katzen, Vögel und Fische. Auch wird diskutiert, inwiefern heutige Nutztierrassen unter der Zucht (hier auf Leistung) zu leiden haben. Der Vollzug ist bei aktueller Gesetzeslage jedoch schwierig (BR Dr 36/03).

Das Thema „Qualzuchten“ erregt deshalb seit langem und unter Tierärzten in letzter Zeit vermehrt die Gemüter: bestimmte Rassen sollen aus Werbekampagnen entfernt, Zuchtstandards überarbeitet, das Tierschutzgesetz revidiert werden. Der Ruf nach Zucht- und Ausstellungsverboten sowie vorgeschriebenen Gesundheitstests wird laut.

Wo Qualzucht besonders sichtbar wird, was Zuchtverbände, Gesetzgebung und Tierärzteschaft dazu sagen und welche Lösungsansätze bleiben, damit möchte sich dieses Fokusthema beschäftigen. Der Fokus liegt dabei auf Hunderassen.

Hinweis: Nicht nur in Deutschland ist Qualzucht ein Problem, in Großbritannien sind unter den 50 beliebtesten Hunderassen 396 Erbkrankheiten beschrieben (ASHER et al., 2009). Siehe hierzu etwa die 2008 in der UK erschienene Dokumentation „Pedigree Dogs Exposed“.

Juni 2017




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